Medizinische Chatbots: Der Arzthelfer im Smartphone

Chatbots liegen im Trend: Alle großen Anbieter von Instant-Messaging-Systemen, angefangen von Microsoft über Google und Facebook bis zu Apple, arbeiten daran, ihre Systeme “intelligenter” zu machen und Nutzer nicht mehr nur untereinander, sondern auch mit Bots interagieren zu lassen.

Diese Bots sollen ratsuchende Kunden bei Supportfragen unterstützen, automatisch Tickets oder Produkte empfehlen und verkaufen, Restaurant- und Filmempfehlungen geben oder quasi auf Zuruf Geld überweisen. Dabei handelt es sich um Programme, die die natürlichsprachigen Anfragen der Nutzer auswerten und mit Methoden der künstlichen Intelligenz antworten, den Dialog lenken, zu einem Resultat führen und die damit verbundene Transaktion abschließend tätigen.

Welche dieser Bots tatsächlich alltagstauglich sind und von der Zielgruppe tatsächlich genutzt werden, steht allerdings noch in den Sternen. Und will ich mir von einem Algorithmus wirklich sagen lassen, welchen Film ich mir anschauen sollte?

Die Medizin-Chatbots kommen

Eine spannende Entwicklung sind allerdings Medizin-Chatbots. Wer hat sich beim Arztbesuch oder im Krankenhaus noch nicht darüber geärgert, dass man erst lange warten muss und dann relativ wenig Zeit für die eigentliche Aufnahme der Symptome und die Diagnose aufgewendet wird, von der eigentlichen Behandlung ganz zu schweigen? Der chinesische Suchmaschinenbetreiber Baidu hat einen Chatbot entwickelt, der den Arzt nicht ersetzt, aber ihn aktiv unterstützt. Dazu erfragt der Chatbot im Dialog mit dem Patienten bereits vor dem Zusammentreffen mit dem Arzt die Symptome. Ziel ist es, so das chinesische Gesundheitssystem effizienter zu gestalten und die Userexperience der Patienten zu verbessern.

Die Möglichkeiten solcher medizinischen Chatbots sind enorm: So kann die Analyse wesentlich genauer und intensiver erfolgen als im klassischen Dialog mit dem Arzt. Der Patient kann dabei bei der Beschreibung seiner Symptome mit multimedialen Elementen unterstützt werden oder interaktiv genau angeben, wo und wann beispielsweise Schmerzen auftreten. Beim Einsatz zuhause können Patienten genauere Angaben zu Vorerkrankungen und aktueller Medikamentation machen – Informationen, die die Patienten oft im Arztgespräch ad hoc nicht akkurat abrufen können.

Der Arzt wird zugleich von Routinetätigkeiten befreit und kann sich mehr um die eigentliche Diagnose und Behandlung kümmern. Die algorithmische Natur des Chatbots in Verbindung mit seinen Lernfähigkeiten sorgt zudem dafür, dass alle relevanten Informationen erhoben und ausgewertet und nichts Wesentliches vergessen wird. Dabei könnte ein solcher Chatbot auch auf bereits früher erhobene Patientendaten zurückgreifen und einer erneute Erfassung vermeiden, zugleich aber auch momentan typische, lokal grassierende Erkrankungen gezielt abchecken. Anders als ein Mediziner könnte ein solcher Chatbot dabei immer auf das neueste medizinische Wissen zurückgreifen und sofort seine Vorgehensweise verändern, wenn im Umfeld beispielsweise ein neuer Krankheitserreger diagnostiziert wird – der Mediziner selbst würde wesentlich länger brauchen, um sich auf den aktuellen Wissens- und Diagnosestand zu bringen.

Der freundliche Arzthelfer im Taschenformat

Der Chatbot ersetzt den Arzt jedoch nicht und stellt auch keine Diagnose gegenüber dem Nutzer, sondern stellt die Daten und Auswertungen anschließend dem Mediziner zur abschließenden Klärung und Behandlung zur Verfügung. Dieser kann die Empfehlungen des Chatbots zurate ziehen, muss es aber nicht. Allerdings kann der Chatbot auch Empfehlungen geben, wenn die Überweisung an einen Spezialisten ratsam erscheint.

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Ein interessanter Ansatz, der verschiedene Einsatzszenerien ermöglicht: Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Zeit im Wartezimmer dazu nutzen, mit dem Chatbot Ihr Krankheitsbild zu dokumentieren, bevor der eigentliche Behandlungstermin beginnt. Oder Sie interagieren schon vor der Vereinbarung des Behandlungstermins mit dem Chatbot. Der behandelnde Arzt weiß dann bereits in dem Moment, in dem Sie das Behandlungszimmer betreten, welche Symptome vorliegen, und kann sich ganz der Diagnose und Behandlung widmen.

Allerdings muss auch gewährleistet sein, dass die erfassten Daten nicht in falsche Hände geraten und nur für den intendierten Zweck der Behandlung ausgewertet und gespeichert werden. Ein solcher Chatbot könnte leicht auch Daten erfassen, die Krankenkassen in die Lage versetzen, Patienten in verschiedene Risikoklassen zu stufen, ohne dass diese es bemerken und ohne eine Notwendigkeit bezüglich der akuten Erkrankung.

Markus Stolpmann

Der Autor und Unternehmensberater ist Onliner der ersten Stunde. Als Informatiker hat er sich der Aufgabe verschrieben, die Auswirkungen des digitalen Wandels allgemein verständlich aufzubereiten und wirtschaftliche wie gesellschaftliche Chancen & Risiken zu thematisieren.